warmer und kalter humor
Ein Experimentelles Radiofeature [Querstrich] Porträtsendung [Querstrich] Hörspiel um nicht zu sagen der Versuch einer Annäherung an die so called wissenschaftliche Betrachtung des Humors [Querstrich] die humoristische Annäherung an die Wissenschaft anhand des Humors.
Interviews mit den Wissenschaftlern Roger Behrens, Lorenz Engell und Peter Fuchs. Sowie den Künstlern Rocko Schamoni und Heinz Strunk.
Wie beobachten Sozialwissenschaftler [Querstrich] Geisteswissenschaftler, die ja viele Phänomene [Querstrich] aktuelle Umbrüche untersuchen in Differenz zu anderen Gesellschaftsformen den Humor.Wie fungiert [Querstrich] funktioniert Humor? Wie werden Begriffe wie Zynismus, Sarkasmus, Comedy, Spaßgesellschaft [etc p.p.] aus wissenschaftlicher [Querstrich] persönlicher Sicht eingeordnet? Kann man sich überhaupt wissenschaftlich, sprich nüchtern [Querstrich] humorlos dem Humor annähern?
Künstlerinterviews
Schamoni[36min uncut]
Heinz Strunk über Melancholie

DOKUMENTATION
Einleitung
Was ist Humor? Im Allgemeinen wird damit eine Vielzahl von Verhaltensweisen beschrieben. Vom einfachen Ausspruch bis hin zum freudschen Versprecher, vom lustigen Jungenstreich bis hin zum dadaistischen Wortspiel, von der Farce hin bis zur geistlosen Albernheit. Egal ob in Literatur, Musik oder im Film, von Humor ist immer dann die Rede, wenn eine bestimmte Botschaft darauf abzielt, ein Lachen, oder mindestens ein Lächeln hervorzurufen. Beispielsweise existiert in den Fernsehprogrammzeitschriften neben den Kategorien Spannung, Action, Erotik und Anspruch, auch das Attribut des Humors. Egal ob es sich dabei um Comedy, Satire, Kabarett oder um eine Unterhaltungsrevue handelt, all diese Begriffe laufen unter dieser Sammelbezeichnung. Von der Lächerlichkeit des gegen Windmühlen ankämpfenden Don Quichotes bis hin zu den an der Menschenwürde rüttelnden Witzen eines Stefan Raab ist der Terminus Humor als Referenz zu lesen. Humor sei eben, wenn man trotzdem lache; und man darf nicht vergessen, dass seit dem 19. Jahrhundert die Nachfrage nach lustiger Unterhaltung explosionsartig anstieg und sich von einem privaten Zeitvertreib auf ein der Ökonomie verpflichtetes Produkt der Kulturindustrie aufschwang. Der inflationäre Gebrauch des Humorbegriffs scheint sehr oft nicht erläuterungswert und bleibt meist undefiniert. Er fungiert als profillose Sammelbeschreibung von Phänomenen, welche genauer ironisch, satirisch, grotesk, witzig und so weiter heißen sollten. Nichts desto trotz geht gerade von der Beliebigkeit des Einsatzes des Humorbegriffs eine gewisse Attraktivität aus: es lässt sich alles und nichts damit beschreiben.
In diesem Feature kommen drei Geisteswissenschaftler der Gegenwart zu Wort, die sich mit dem Wandel der gesellschaftlichen Funktion von Humor und der wissenschaftlichen Beschreibung dieses Phänomens auseinandersetzen. Dabei nähern sich alle Beteiligten den einzelnen Grundbegriffen und Schlagworten des Themenkomplexes Humor von durchaus unterschiedlichst angeordneten Positionen: so wird das Thema sowohl aus der Perspektive der Kritischen Theorie, als auch aus dem Blickwinkel der Systemtheorie betrachtet. Hierbei werden einige Denkfiguren und ideologische Grundpositionen dieser Theorien skizziert. Beispielsweise fallen die Definitionen der Begriffe wie der Rolle von Moral bei Peter Fuchs (seines Zeichens ausgewiesener Systemtheoretiker) und Roger Behrens (Anhänger der Kritischen Theorie) höchst unterschiedlich aus: für Fuchs entbehrt der Begriff der Moral jeglicher wissenschaftlicher Grundlage, während Behrens ihn als Grundpfeiler jeglicher Gesellschaftsbeschreibung betrachtet.
Auswahl der Interviewpartner
Die Interviews mit Rocko Schamoni und Heinz Strunk hatte ich bereits geführt, als dieses Feature noch in weiter Ferne lag. Beide sind mir durch ihren subtilen Humor in ihren Büchern und in ihrer Musik, aber auch durch Ihr Schaffen bei Studio Braun als humorvolle, aber auch gesellschaftskritische Künstler ans Herz gewachsen und gelten für mich als die legitimen und zeitgemäßen Nachfolger von Gerhard Polt, Karl Valentin und der Tödlichen Doris und sind auch in diesem Spannungsfeld einzuordnen.
Als ich im April 2006 mit meiner Recherche für die Arbeit begann, stieß ich in der Testcard Nummer 11, die sich in dieser Ausgabe dem Humor widmet auf ein Essay von Roger Behrens, der gleichzeitig auch der Herausgeber dieser Reihe ist. Die Punkte die er diagnostiziert und die Sachverhalte die er bemängelt, decken sich größtenteils mit meinen Überzeugungen und nach einem kurzen Vorgespräch traf ich mich mit ihm für ein dreistündiges Interview im Radiostudio der Bauhaus-Universität Weimar. Roger Behrens, seines Zeichens Anhänger der kritischen Theorie fühlt sich sehr Adorno und dessen Weltbild verpflichtet.
So lag es nahe den alten Streit der soziologischen Schulen zwischen Kritischer Theorie und Systemtheorie für dieses Radiofeature erneut aufleben zu lassen. Ich schrieb den Soziologen und Luhmannschüler Peter Fuchs an, um ihn für dieses Projekt zu gewinnen. Peter Fuchs war mir in sehr sympathischer und witziger Art und Weise in dem Feature von Peter Zudeick Ich sehe was, was du nicht siehst - Niklas Luhmanns Systemtheorie - ein Kinderspiel mit Folgen mit seinen lebensnahen Veranschaulichungen aufgefallen, in denen er beispielsweise den Kontigenzbegriff Luhmanns in charmanter Art und Weise erläutert:
„Also wie sage ich Ihnen denn, dass ich Hunger habe oder verliebt bin oder was auch immer. Ich kann sagen, also ich hab mächtig Schmacht in de Hacken, Sie zum Beispiel, wenn Sie länger hier blieben. Oder Sie könnten sagen, ich wäre einem kleinen Imbiss nicht abgeneigt, oder Sie könnten sagen, liebe Frau Fuchs, also ich finde es ganz entzückend, wie’s hier ist, und wenn ich noch eine Kleinigkeit zu essen bekäme, dann wäre ich ganz glücklich, oder Sie könnten sagen, hier gibt’s überhaupt nichts zu essen - es wäre immer derselbe Sinn, also immer dieselbe Information, aber Sie würden natürlich immer verschiedene Anschlussselektivitäten produzieren.“
Also fuhr ich zunächst nach Hamburg und dann weiter nach Travenbrück um mit Systemtheoretiker Peter Fuchs ein 180-minütiges Interview zu führen. Schnell wurde deutlich, dass die Standpunkte von Peter Fuchs und Roger Behrens und deren wissenschaftliche Herangehensweise antagonistisch zueinander stehen. In fast allen Punkten widersprachen sie sich diametral und äußerten sehr emphatisch ihr Unverständnis für die jeweilige Betrachtungsweise des anderen. Um diese starken Gegensätze etwas auszugleichen und um zwischen diesen beiden Extremen ein wenig zu vermitteln, versuchte ich, den Medienphilosophen Lorenz Engell mit in das Boot zu bekommen.
Schwerpunkte des Features
Wichtig für diese Arbeit erscheint mir die Frage, ob es überhaupt möglich ist, sich wissenschaftlich an den Humor anzunähern, da die Wissenschaft als solche, im Allgemeinen schon als humorlose und trockene Angelegenheit gilt und ich im Grunde durch das Anfertigen dieses Features nichts anderes bewerkstellige.
Der gravitätische Ernst und die nüchterne Präzision der Wissenschaft scheinen sich auf den ersten Blick mit dem Humorvollen auszuschließen. Genau aus diesem Grund beginnt meine Arbeit mit dieser Problemstellung; und anhand der Meinungen und Selbsteinschätzungen der Interviewten, die sich damit schlussendlich selbst porträtieren, wird versucht, diese Schwierigkeit zu ergründen. Auch der ideologische Unter- und Überbau der Befragten spielt in diesem Feature eine gewichtige Rolle, da vor allem die Positionen von Roger Behrens und Peter Fuchs, ohne die Bezugname und Erläuterung von Theodor W. Adorno, beziehungsweise Niklas Luhmann nur schwer nachvollziehbar sind.
Doch geht es mir in dieser Arbeit weder darum, die jeweiligen Theorien zu klären noch eine Art Bildungsfeature, im Sinne von einer Begriffserklärung sämtlicher Spiel- und Unterarten des Humors, anzufertigen. Dennoch ist der Unterschied zwischen Zynismus und Sarkasmus ein wichtiger Bestandteil, da diese beiden Begriffe häufig in sämtlichen Medien wild durcheinander geworfen werden. Auch der Begriff der Spaßgesellschaft, der in den letzten Jahren immer mehr Verwendung erfuhr, um Phänomene in der Postmoderne zu bezeichnen, ist ebenso Gegenstand dieser Arbeit, wie Fragen aus dem Fragebogen von Max Frisch, die vor allem im Outro ihre Verwendung finden.
Weitere Schwerpunkte sind die Statements der Künstler Rocko Schamoni und Heinz Strunk. Nicht umsonst trägt das Feature den Namen „Warmer und Kalter Humor“, den ich aufgrund der Unterscheidung von Rocko Schamoni verwende. Ich wollte herausfinden, inwiefern diese Definition des Hamburger Entertainers vor den interviewten Wissenschaftler bestand hat. Diese doch sehr bildhafte Unterscheidung erscheint mir ebenso erörterungswert wie die Mutmaßung Heinz Strunks, dass ein Melancholiker humorfähiger sei als ein Mensch, der nicht an einem solchen Krankheitsbild leidet.