rezensionen

Jochen Meißner über Heldenfällen

[ Funkkorrespondenz 16-17/2010]

Biografie, ein Spiel

Ein Fußballer aus Wannweil in Schwaben, ein Musiker aus Timmendorfer

Strand, ein Schriftsteller aus dem österreichischen Gmunden und ein

Kabarettist aus Bad Homburg: Guido Buchwald, Schorsch Kamerun, Thomas

Bernhard und Georg Schramm - man kann im Lauf seines Lebens

schlechtere Vorbilder haben als Christian Rottler. Drei der vier

Männer konnte der Musiker und ausgebildete Mediengestalter für sein

Hörspielprojekt “Heldenfällen” interviewen; als Bernhard 1989 starb,

war Rottler gerade mal elf Jahre alt.

Eingerahmt durch die auf ein billiges Diktaphon aufgenommenen

Protokollnotizen einer Therapeutin (Eva Klotz), die den nie hörbaren

Autor/Klienten analysiert, ergibt sich aus den O-Tönen der Herren

Buchwald, Kamerun und Schramm ein Panorama der bundesdeutschen

Zeitgeschichte und zugleich ein Einblick in die Transformationen von

Gesellschaftsanalyse. Der ehemalige Nationalspieler Guido Buchwald,

nach dem eigenen Vater der erste Held der abwesenden Hauptfigur,

scheint einer zu sein, der in erster Linie mit dem Knie denkt,

während sich die Weltsichten Schorsch Kameruns und Georg Schramms

über die Jahrzehnte verändert haben. Obwohl die letzteren beiden eine

halbe Generation trennt (Schramm ist Jahrgang 1949, Kamerun Jahrgang

1963), ergeben sich überraschende biografische Übereinstimmungen.

Beide kommen aus den Randbereichen großbürgerlicher Kleinstädte, ihre

Väter taugten bestenfalls als Objekt von Hass oder Verachtung. Ihre

Sozialisation erfolgte in sozialdemokratischen bis linksradikalen

Kontexten, und beide müssen feststellen, dass die alten

Beschreibungsmuster nicht mehr für die Welt von heute taugen. Am

deutlichsten wird das in der Bewertung der RAF aus dem unmittelbaren

Miterleben in den 1970er Jahren und aus heutiger Sicht. Und

erstaunlicherweise akzeptieren heute beide eine Figur aus der Politik

als Vorbild: den Altliberalen Gerhart Baum. Im Jahr 2007 hielt der

bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden an Schorsch

Kamerun im Bundesrat die Laudatio (vgl. FK 24/07). Er habe sich ja

über ihn informiert, sagte Baum dem Preisträger mit dem Image des

autonomen Staatsfeindes, und: “Sie müssen sich für das Foto ja nicht

neben den [Bundes-]Adler stellen.”

Am Ende, so erfahren wir aus dem Diktaphon-Protokoll, bricht der

Klient die Therapie vorzeitig ab: Er fühle sich ausreichend

entlastet, um ein Leben ohne Helden zu führen, wolle aber wieder

anfangen, Fußball zu spielen und sich politisch zu engagieren.

Außerdem strebe er eine Karriere als Autor und Kabarettist an.

Therapieversagen auf der ganzen Linie also. Die ironische

Genauigkeit, mit der Christian Rottler den Psycho-Jargon inszeniert

hat, trägt einiges zum Hörvergnügen bei, das noch dadurch gesteigert

wird, dass man hier intelligenten Leuten beim Nachdenken über sich

selbst und die Zeit, in der sie leben, zuhören kann. “Heldenfällen”

ist ein sehr angenehmes kleines Stück eines Nachgeborenen über seine

Vorfahren, die einer Generation angehören, von der man sich nicht so

radikal abgrenzen muss wie diese von der ihrer Väter.

23.04.10 - Jochen MeißnerJochen Meißner/FK